In der Praxis zu wenig ein Thema
Mehr als 60 Fachpersonen aus Schwangerschaftsberatung, Familienhilfe, Mutter‑Kind‑Einrichtungen, Erziehungs- und psychologischer Beratung sowie dem Gewaltschutz nahmen an einem digitalen Fachtag des Diözesanvereins des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) und des Diözesan-Caritasverbands Freiburg teil. Im Mittelpunkt stand ein Thema, das in der Praxis häufig zu wenig Beachtung findet: Elternschaft nach erlebter sexueller Gewalt in Kindheit und Jugend.
Die Unabhängige Kommission zur Aufklärung sexuellen Kindesmissbrauchs hatte 2025 eine umfassende Studie mit über 600 Teilnehmenden veröffentlicht. Co-Autorin Prof. Dr. Barbara Kavemann, langjährige Expertin im Themenfeld, stellte gemeinsam mit Ava Anna Johannsen, EX‑IN‑Genesungsbegleiterin, zentrale Ergebnisse und Erkenntnisse vor.
"Die Betroffenen tragen die Folgen gesellschaftlicher Missstände", betonte Prof. Kavemann. Der Staat sei seiner Schutzpflicht gegenüber Kindern nicht ausreichend nachgekommen - mit lebenslangen Auswirkungen für die Betroffenen, die sich besonders im Kontext von Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft zeigen.
Ein zentrales Ergebnis der Studie: Viele Betroffene fürchten, als Eltern stigmatisiert oder als erziehungsunfähig wahrgenommen zu werden. Gleichzeitig hemmt die Sorge um das eigene Sorgerecht den Schritt, notwendige Unterstützung oder Diagnostik in Anspruch zu nehmen.
Sabine Triska, Referatsleiterin für Familien- und Erziehungshilfen im Diözesan-Caritasverband Freiburg, unterstrich die Bedeutung der Studienergebnisse für die Praxis: "Wir werden die Erkenntnisse in den jeweiligen Arbeitsfeldern gezielt aufgreifen."
Auch Katharina Müller, Geschäftsführerin des SkF-Diözesanverbands Freiburg, sieht Handlungsbedarf bei der Sichtbarkeit von Beratungsangeboten: "Wir wissen, dass sexuelle Gewalterfahrungen die Entscheidung zur Elternschaft beeinflussen können. In der Schwangerschaftsberatung kann darüber gesprochen werden - aber Betroffene müssen uns auch finden können."
Petra Rieder-Link, Fachreferentin für Schwangerschaftsberatung, hob hervor, dass es weniger neue Angebote brauche als vielmehr eine sensible Haltung: "Wenn Berater*innen um mögliche Problemlagen wissen, reicht es oft, offen zu sein, gut zuzuhören und das Thema aktiv anzusprechen. Das kann für Betroffene eine enorme Entlastung sein."
Der Fachtag machte deutlich, wie groß der Bedarf an fachlichem Austausch und Sensibilisierung ist. Die Veranstalter kündigten an, das Thema weiter in die Breite der sozialen Arbeit zu tragen und Beratungsstrukturen für Betroffene zu stärken.