Freiburg/Stuttgart - Aufgabe der Arbeitsmarktpolitik ist es nicht nur, arbeitslose Menschen schnell in Arbeit zu vermitteln. Sie muss ihnen auch dauerhaft Perspektiven eröffnen. Wenn Menschen schon lange arbeitslos sind oder mehrere Probleme gleichzeitig mitbringen, müssen sie sich aus Sicht der Caritas Baden-Württemberg weiterbilden können, persönlich begleitet werden und soziale Unterstützung bekommen. Dies machte der katholische Wohlfahrtsverband bei seinem jährlichen Fachgespräch "Arbeitsmarktpolitik" deutlich. Dort diskutierten Vertreter*innen aus Politik, Wissenschaft, Verwaltung und Praxis aus Bund und Land.
Dass das Ressort "Arbeit" in der neuen Landesregierung nun beim Sozialministerium angesiedelt ist, wertet die Caritas im Land als Chance. Darin liege die Möglichkeit, Arbeitsmarktpolitik stärker sozialpolitisch zu denken. "Die entscheidende Frage lautet nämlich nicht nur, wie wir unseren Wirtschaftsstandort zukunftsfähig gestalten, sondern auch, wie möglichst viele Menschen an diesem Wandel teilhaben können", erklärten die Caritasdirektorinnen Dr. Annette Holuscha-Uhlenbrock (Rottenburg-Stuttgart) und Birgit Schaer (Freiburg). In Baden-Württemberg begleitet die Caritas jährlich mehr als 6.000 Menschen in Angeboten der Arbeitsförderung, Qualifizierung und sozialen Teilhabe. "Diese Erfahrungen aus der Praxis möchten wir in die Weiterentwicklung der Arbeitsmarktpolitik einbringen”, so die Direktorinnen.
Eine Herausforderung sieht die Caritas in dem in der neuen Grundsicherung vorgesehenen Vermittlungsvorrang. "Bei langzeitarbeitslosen Menschen müssen Aus- und Weiterbildung grundsätzlich Vorrang haben", so die Caritasdirektorinnen. Eine Vermittlung in kurzfristige Beschäftigungen oder Helfertätigkeiten biete vielen Betroffenen keine stabile Perspektive. Es drohe ein Drehtüreffekt: Menschen fänden zwar eine Beschäftigung, verlören diese aber schnell wieder. Langzeitarbeitslosigkeit resultiere selten aus fehlendem Arbeitswillen. Häufig spielten chronische Krankheiten, psychische Belastungen, fehlende Kinderbetreuung, Schulden oder instabile Wohnsituationen eine Rolle. Sanktionen und zusätzlicher Druck seien daher völlig ungeeignet.
"Der Erfolg der Reformen wird sich daran messen lassen, ob Menschen nicht nur schnell, sondern dauerhaft in Arbeit kommen", so Schaer und Holuscha-Uhlenbrock. Gerade Menschen mit längerer Arbeitslosigkeit oder komplexen Problemlagen benötigten häufig den Mix aus Vermittlung, Qualifizierung und sozialintegrativer Unterstützung. "Das muss konsequent zusammengedacht werden."
Die Caritas begrüßt deshalb, dass die Landesregierung bewährte Angebote fortführen will - darunter die Arbeitslosenberatungszentren oder das Caritas-Projekt "Beschäftigungsförderung und Jugendhilfe gemeinsam anpacken" (BeJuga). "BeJuga" kombiniert Arbeitsförderung und Familienhilfe. An Standorten wie Ludwigsburg, Ulm, Rastatt oder Hechingen erhalten von Armut bedrohte Eltern Hilfe bei der Jobsuche oder bei Behördengängen. Auch Beratung bei der Erziehung und Bildung der Kinder ist inkludiert. Der positive Nebeneffekt: auch die Bildungschancen der Kinder steigern sich.
Weitere Informationen unter BeJuga Ludwigsburg, BeJuga Rastatt, BeJuga Hechingen, BeJuga Ulm
Aktuell sind landesweit rund 91.500 Menschen langzeitarbeitslos (Stand: Juni 2026) Langzeitarbeitslosigkeit - Statistik der Bundesagentur für Arbeit