Interview

"Mehr persönliche Freiheit"

Mehr persönliche FreiheitAntonia Berberich von der Caritas (links) und Bertram Muris (rechts) haben tatkräftig mitgeholfen, dass Günter Aßmann seine Tipps für Leute mit wenig Geld veröffentlichen konnte. Foto: DiCV Freiburg/Thomas Maier

Im Lokalen Teilhabekreis (LTK) der Caritas in Donaueschingen werden Menschen mit unterschiedlichen Handicaps darin unterstützt, ihre Fähigkeiten zu entdecken, sich gegenseitig zu stärken, damit sie so unabhängig wie möglich am Leben in der Stadt teilhaben können. Für Günter Aßmann, der sich ohne Schulabschluss viele Jahre als Leih- und Hilfsarbeiter über Wasser gehalten hat, und Bertram Muris, gelernter Bürokaufmann und später bis zu seiner Frühberentung als Masseur und medizinischer Bademeister tätig, war es ein Glücksfall, dort aufeinander zutreffen. Gemeinsam haben sie die Idee, ein "Buch der kleinen Leute" herauszubringen, in die Tat umgesetzt. Es geht darin um Tipps, wie man sein Leben mit wenig Geld gestalten kann.

Herr Aßmann, Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel "Das Buch der kleinen Leute". Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen?

Aßmann: Ich bin ein knallharter Sparer und meine Spartaktik gibt mir die Gewissheit, dass ich mit meiner Grundsicherung nicht durchs soziale Netz falle. Das wollte ich anderen weitergeben. Dass das Buch dann zustande gekommen ist, verdanke ich der tatkräftigen Unterstützung durch Antonia Berberich und Bertram Muris vom Lokalen Teilhabekreis (LTK) der Caritas in Villingen. Ich kann ja nicht mal richtig schreiben, das habe ich nie richtig gelernt. Aber dort habe ich mit Bertram Muris jemanden gefunden, der einen Laptop hat, schreiben kann und Powerpoint beherrscht.

Herr Muris, wie war das für Sie, als Herr Aßmann mit der Idee auf Sie zukam?

Muris: Ich fand das eine tolle Idee, weil ich davon ja auch betroffen bin mit einer Frühberentung. Ich muss auch immer schauen, wie ich mit meinem Geld zurechtkomme. Gerade beim Lebensmitteleinkauf muss ich darauf achten, was ich mir kostengünstig leisten kann, ohne an der Qualität sparen zu müssen.

Wie bringen Sie denn dieses Büchlein an die Leute?

Mehr persönliche Freiheit

Aßmann: Das Buch ist dafür gedacht, dass man offene Arbeit macht, zum Beispiel Veranstaltungen. Zur Buchvorstellung haben wir einen Saal angemietet, Leute eingeladen und die PowerPointPräsentation gezeigt. Es sind sehr viele Leute von der Diakonie, der Caritas, der AWO gekommen.

Was für Rückmeldungen bekommen Sie?

Aßmann: Immer gute bislang. Die Leute können besser mit dem Geld umgehen und haben nicht mehr so den Stress nach dem Motto "mir reicht es nicht". Das gibt ihnen mehr Souveränität. Ich will ja den Leuten sagen, es gibt Möglichkeiten, mit ihrem Geld so gut umzugehen, dass am Ende des Monats auch noch ein bisschen davon übrig bleibt. Das gibt ihnen mehr persönliche Freiheit.

Muris: Es ist unheimlich anstrengend, wenn man ständig am Überlegen ist, kann ich mir einen Kaffee leisten. Oder ich stehe im Laden, möchte mir gerne dies oder das kaufen, geht aber nicht. Das macht einen mit der Zeit verrückt. Deshalb ist es toll, wenn man mal so einen Moment frei ist.

Lassen sich die Kunden auf Ihre Ratschläge ein?

Aßmann: Es zieht schon Kreise, aber für einige ist das Buch schon hart an der Grenze. Die Leute denken erst mal, was, aufhören zu trinken und zu rauchen? Das ist ja der Kern. Gibst du einer Palette Bier, die 25 Euro kostet, die Chance oder gönnst du dir einen vollen Kühlschrank oder eine Tasche voller Essen.

Muris: Der lokale Teilhabekreis ist hier eine gute Plattform gegenseitiger Stärkung und Unterstützung. Hier sind lauter verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Handicaps und unterschiedlichen Mentalitäten. Keiner braucht sich zu verstellen. Da ist dieses gemeinsame Gruppengefühl, dass man sich gegenseitig anerkennt, und jeder weiß, okay, wir haben unsere Fähigkeiten und darauf bauen wir uns auf. Wir können uns wieder darauf konzentrieren, das Positive zu sehen und nicht nur das, was nicht funktioniert, die Krankheiten oder so. Man kann sehen, wie die Leute sich enorm entwickelt haben.

Interview: Thomas Maier